Mutig Mutig!

Beispiele für eine gerechtere Welt

Geborgenheit statt Angst- die Revolution fängt früh an

GeborgenheitHeute, Samstag, ist ja die “Freiheit statt Angst” Demo in Berlin, die um 15 Uhr am Potsdamer Platz losgeht.

Mich hat dazu ein recht schöner Flyer ereilt, der sich auf die Wichtigkeit von Attachment Parenting bezieht, also Tragen, Stillen, Familienbett, Sanfte Geburt, Gleichberechtigter Umgang mit Kindern usw.

Es ist klar, dass Stillen und Tragen kein Allheilmittel ist, denn dann wäre die Menschheitsgeschichte erst seit der Einführung von Kinderwägen ( und dazugehörigen Strassen/Gehwegen) und Pulvermilch grausam geworden.

Genauso wie meiner Meinung nach, Attachment Parenting auch funktioniert, wenn mit Flasche gefüttert wird, weil es einfach medizinische Gründe fürs Nicht-Stillen gibt, oder aufgrund von Rückenproblemen ein Kind nicht von den Eltern getragen werden kann.

Was aber bestimmend ist, ist das Bewusstsein für die Ur-Bedürfnisse von kleinen Menschen, geborgen sein zu wollen, ernstgenommen zu werden. Auch mit Flasche kann man gut kuscheln, und muss es dem Baby nicht in den Wagen reichen, wo es dann mit ein paar Wochen völlig verloren herumliegt und keinen Bezug zwischen Nahrung und menschlicher Wärme spüren kann,  geh-eingeschränkte Menschen oder solche mit Rückenproblemen finden auch andere Wege, ihr Kind nahe bei sich zu tragen oder andere Menschen, die einen engeren Kontakt zum Baby aufbauen wollen und es am Körper tragen.

Für mich ist die bedürfnisorientierte Babypflege ein ganz grosser Baustein für eine freie, emanzipatorische Gesellschaft. Wer in jungen Jahren sein Urvertrauen verliert, der wird auch später ganz anders anfällig sein, für die Angst, die bewusst geschürt wird um unsere Welt in einen grossen Überwachungsstaat auszubauen. Wessen Bedürfnisse immer negiert wurden, wer immer klein gemacht wurde ” So schlimm ist es doch gar nicht. Indianer kennen keinen Schmerz. Jetzt haste aber lange genug geheult”, wer nach dubiosen Schlafprogrammen ( kontrolliert schreien lassen nach Kast-Zahn, “Jedes Kind kann schlafen lernen”) unsägliche Verlustängste durchstehen musste, “weil das alle in der Krabbelgruppe so machen”,  beim Essen immer den Mund aufmachen muss, auch wenn er keinen Hunger hat ( jetzt wird aber schön gegeseen, ein Löffel für Mama, Mach mal “Ahhh”) der wird auch später im Leben Schwierigkeiten haben, empathisch zu handeln, sich in die Bedürfniswelt anderer hineinzudenken, seinen eigenen Vorteil hinten anzustellen, solidarisch zu handeln.

Für mich ist es kein Zufall, dass unsere Kultur, die mit der höchsten Kaiserschnittrate ( ein Drittel aller Geburten), die mit der größten physischen Distanz zwischen Kind und Bezugsperson ( eigenes Zimmer von Geburt an, Trennung noch im Krankenhaus, Kinderwagen), die mit dem frühesten Abstillalter weltweit, die mit Bestsellern wie eben “Jedes Kind kann schlafen lernen” und “Warum unsere Kinder Tyrannen werden”, die, in der Kinder immer früher in eigens für sie bereitgestellte Institutionen geschickt werden und in ihrer kindzentrierten Welt nur wenig vom Erwachsenenleben mitbekommen können, in der der öffentliche Raum streng funktional aufgeteilt ist und Kinder nur in den sie vorhergesehen Orten gern gesehen werden, am besten, wo ihre Eltern ordentlich blechen können), dass gerade in dieser Kultur auch so wenig Verständnis für die Gefühle von Mitmenschen, Tieren, Pflanzen, ja unserer ganzen Lebenswelt herrscht. Jedes in unseren Augen noch so primitve Urwaldvolk ist darauf bedacht, seinen eigenen Lebensraum zu schützen und zwar besonders für nachkommende Generationen. Wir lächeln über solche Menschen, die mit Bäumen sprechen und nachdem sie ein Tier getötet haben ( und es auch essen und alle Teile nutzen, und nicht einfach auf den nächsten Müll kippen, wegen Überproduktion) ein Opfer bringen. Und es besteht ein direkter Zusammenhang mit zunehmender Verwestlichung in Geburts- und Pflegepraktiken, dem Auseinanderfallen von Familienstrukturen und dem ebenfalls hemmungslosen Raubbau an der Natur in der sogenannten dritten Welt.

Wir opfern  jeden Tag unsere Zukunft, mit jeder neuen Flächenversiegelung, jedem neuen Kohlekraftwerk, jedem neuen Schweineschnitzel aus dem Discounter. Wir kriegen den Rachen nicht voll, vielleicht auch, weil wir als kleine Kinder nicht genug bekommen haben. Genug Nähe, genug Respekt bei der Geburt, genug Seelennahrung.

Auch möchte ich daraufhinweisen, dass der bedürfnisorientierte Ansatz für mich immer einen gesamtgesellschaftlichen Ansatz darstellt, da es nicht möglich ist, nur für sein/e Kind/Kinder die perfekte Kuschelwelt zu erschaffen. Wenn viele Menschen die Wichtigkeit diesr Praxis erkennen und wenn diese vielen Menschen aktiv an einer Welt arbeiten, die KINDERFREUNDLICH und nicht lebensfeindlich ist, dann bekommt diese Frage auch immer mehr politisches Gewicht. Wir müssen unsere gesamte Lebenswelt umgestalten, den öffentlichen Raum neu definieren, Arbeit, Freizeit und Institutionen lösen sich auf, gehen ineinander über. Die Kleinfamilie wird so wie jetzt nicht mehr weiter existieren können. Community Accountabilty wird das Schlagwort dieser Lebensweise sein. Wir müssen lange Jahre der Persönlichkeitsentwicklung und dem Erlernen einer wirklich gewaltfreien Kommunikation und gleichberechtigtem Miteinander widmen.

Die Veranwortung auf die Eltern abzuschieben, wie das bislang im Guten ( Attachment Parenting, Stillgruppen…) oder im Schlechten ( Sie sind verantwortlich für die Erziehung IHRES Kindes) gemacht wurde, kann längerfristig nicht funktionieren und wird das Übel nicht an der Wurzel packen. Deshalb begrüße ich Initiaven, die Attachment Parenting in größere Zusammenhänge, wie Anti-Überwachungsstaat Demos stellen.

Buchtipp: Ekkehard von Braunmühl “Zeit für Kinder”

Julia Dibbern: “Geborgene Babys”

Jean Liedloff: “Auf der Suche nach dem verlorenen Glück”

Carlos Gonzales “In Liebe wachsen”

www.unerzogen.de

This entry was posted on Samstag, September 12th, 2009 at 1:55 pm and is filed under Kinder, Proteste. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

4 Responses to “Geborgenheit statt Angst- die Revolution fängt früh an”

  1. daniel
    9:03 am on September 14th, 2009

    Danke für den tollen Text!

  2. Nicola Schmdit
    10:29 pm on September 14th, 2009

    Hey,

    dein Text hat mich ganz besonders gefreut – danke dafür! Wir denken auch, dass AP mehr braucht als Babies ohne Windeln und es ist toll zu lesen, dass das auch ohne weitere Erklärung Gleichgesinnte findet.

    Gruss
    nica vom windelfrei-blog

  3. medusa
    9:33 am on November 17th, 2009

    hey,
    wie eklig ist das denn??? Und das auf ner “linken” Site:

    UNSERE DEMOKRATIE BRAUCHT STARKE KINDER!! _IIIHHHH!!!!

    1. Wieso UNSERE Demokratie??
    Mal abgesehen davon, dass mensch Demokratie sowieso infrage stellen kann, ist das hier doch nicht UNSERE Demokratie. Ist ja nicht mal Basisdemokratie, was in diesem Land läuft
    2 Für diese “Demokratie” will ich mein Kind NICHT stark machen, sondern für ein selbstbestimmtes und SYSTEMKRITISCHES Leben.
    3. STARK; STARK; STARK Unsere Kinder sollen STARK sein:( (Wahrscheinlich, um diese Verhältnisse zu ertragen, oder was?) Was immer damit auch gemeint ist. Empathie, soziales Verhalten u. ä. finde ich, neben Selbstwertgefühl (nicht zu verwechseln mit Pseudo-Stärke!) wesentlich wichtiger.

  4. silvia
    7:30 pm on November 19th, 2009

    LiebeR Medusa,

    ich habe den Flyer gepostet, zum einen weil ich die person kenne, die ihn erstellt hat und sie und ihre Ansichten insofern besser kenne, als es der Flyer widergeben mag. Zum anderen habe ich meine persönliche MEinung ja im Artikel geschrieben. Dass es eben nicht reicht. Ich finde deine Einwände im Prinzip sehr richtig und befinde mich derzeit in einer ähnlichen diskussion ( mit mir selbst und Menschen aus der antipädagogischen Szene) Ich hatte mal ein interessantes Buch aus den End 60zigern, in dem es um die ersten Kinderläden ging. Leider verloren, Titel ebenfalls.
    Hierin wird auch scharf das Summerhillkonzept aus ähnlichen von dir genannten Gründen kritisiert.
    Wir können das Thema geren weiter diskutieren, freue mich über Austausch

    Silvia

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