Wo ist all der Gendreck hin?
In den nächsten Wochen geht es wieder hoch her im Kampf gegen die Gentechnik, der zwar moralisch schon längst von den AktivistInnen gewonnen wurde, de facto aber eine immer größere Gefahr für die Bevölkerung und unser Ökosystem darstellt. Zwischen 70 und 80% der Deutschen sprechen sich mittlerweile gegen Gentechnik aus, Tendenz steigend. Auch viele Gentechnikbauern, die in den letzten Jahren Erfahrungen mit Genmaisanbau gemacht haben, sind jetzt wieder auf konventionell umgestiegen, da der vermeintliche finanzielle Vorteil entfiel, genauso wie höhere Ernten. Wobei konventionell auch auf keinen Fall eine zukunftfähige Anbauform ist, nur der Schaden sich noch eher begrenzen läßt. Auch bei den krassesten Monokulturen ohne Hecklandschaften und mit überdüngtem Boden und hochgiftigen Pestiziden und Herbiziden, kann man immer noch ( wenn die Menschheit mal zu Verstand gekommen ist) auf unseren Freund, die Zeit setzen, die es dann schon richten wird. Bei Gentechnik geht das nicht. Einmal eingekreuzt, ist Feierabend. Und zwar für immer. Was viele nicht wissen: Es kreuzt sich nicht nur Mais mit Mais, sondern auch die vielen Feldversuche sind eine große Gefahr. Hier kann z.B. der Genraps als Kreuzblütler auch mit Kohl- und Senfpflanzen, wie dem Blumenkohl, dem Radieschen usw. einkreuzen, die wir vielleicht in unserem kleinen Biogemüsegärtchen kultivieren, ganz zu schweigen von den Bestrebungen der Biotechbranche Genrasen zu kreeiren ( z.B. für Golfplätze) und Genbäume (z.B. für Papierherstellung)
Etliche Länder, unter anderem Griechenland, Polen, Schweiz und Österreich haben ein GMO-Moratorium, Frankreich hat 2008 ein solches auch erlassen, nachdem die Bevölkerung jahrelang mit teilweise spektakulären Aktionen dagegen Sturm gelaufen ist. Jose Bove ist wohl der bekannteste Vertreter der “Freiwilligen Feldmäher”, wie sie sich nennen. Interessanterweise mussten sich die Moratoriumsländer gegenüber der EU verantworten und wurden schon fast zur Rücknahme desselbigen gezwungen. Die Organe der EU, muss man wissen, werden von der EFSA (European Food Security Agency) beraten und regelmäßig mit “Unbedenklichkeitsstudien” gefüttert, deren Glaubhaftigkeit mensch durchaus anzweifeln darf. Man muss dazu wissen, dass die EFSA in den höheren Etagen nur so von Leuten wimmelt, die aus der Biotechbranche kommen und Studien bevorzugt im Auftrag der Biotechbranche von statten gehen und sich dadurch finanzieren. In Zeiten der knappen Kassen von Universitäten ist das nicht unerheblich.
In Portugal sieht mensch z.B recht gut, wie Politik und Biotechbranche Hand in Hand arbeiten. Hier heißt die landeseigene EFSA ASAE (Autoridade para a Seguranca Alimentar e Economica) und deren Arbeitsgruppe Gentechnik hat eine der militantesten Gentechnikbefürworterinnen, Margarida Oliveira, als Chefin. Portugal ist nach Spanien der zweitgrößte Genmaisproduzent Europas und die Politiker stehen wie eine eins dahinter, kritisches in Medien liest mensch selten. Es gibt kein gentechikfreies Futtermittel für Tiere im Handel, die Schulen behandeln das Thema, wenn überhaupt, schlampig und unkritisch recherchiert, von einer GMO-Deklaration wie es in Deutschland z.B. auf Milchprodukten üblich ist, können Portugiesen nur träumen. Ein weiterer Grund, vegan zu leben. Eine Genfeldbefreiungsaktion im Jahre 2007 wurde hinterher von Europol zum terroristischen Akt erklärt.
Wer aber nun denkt, dass in Deutschland alles eitel Sonnenschein ist, nur weil wir ein paar gutorganisierte Bürgerinitiaven haben, die TAZ auch mal was kritisches schreibt und Frau Aigner noch am Überlegen ist, ob sie Gentechnik nun eher gut oder eher doof findet und Herr Seehofer, seit er sein bayrisches Blut wiederentdeckt hat, ein militanter GMOgegner geworden ist, der sollte sich die sehr gut die Broschüre ” Organisierte Unverantwortlichkeit“ die hinter den angeblich humanisitschen Ansatz der Gentechnik die Welt vor dem Hungertod zu retten schaut, einmal zu Gemüte führen ( aber nicht vor dem Schlafengehen bzw. während des Essens)
Wer nun Lust hat, sich gegen Gentechnik zu engagieren, dem stehen fast unbeschränkte Möglichkeiten offen. Das Thema hat in der Umweltbewegung schon fast der Anti-Atomkraft den Rang abgelaufen. Campact setzt vor allem auf Massenswirksame Aktionen, Protestmails und dergleichen, lokale Bürgerinitativen leisten wertvolle und ausdauernde Basisarbeit und wiederum andere Gruppen schreiten zur direkten Aktion und zum zivilen Ungehorsam.
Gendreck Weg ist sicherlich die bekannsteste Initiative, die in diesem Graubereich der Legalität operiert. Mit angekündigten “Feldbefreiungen” setzen sie weniger auf Kladestinität und tatsächliches Gensaatgutbeseitigen, als auf den medialen Aufmerksamkeitsmoment und den langwierigen juristischen Kampf nach der Aktion, um längerfristig den zivilen Ungehorsam als Mittel politischer Teilhabe legalisiert zu bekommen. Dieses Jahr wird Gendreck Weg, so wie letzes Jahr, ihr berühmt-berüchtigtes Sommercamp wieder im Landkreis Kitzigen (Nordbayern) abhalten, wo es unter anderem 4 Tage lang Diskussionen, Workshop und Rahmenprogramm geben wird, und natürlich wieder ein, oder mehrere Felder “befreit” werden sollen. Generell ist der Anbau in der Gegend aber im Vergleich zum letzten Jahr verschwindend gering, und schon letzes Jahr ging die wurde nur ein Bruchteil der für Genmais angemeldeten Flächen auch tatsächlich angesät. Vermutlich ein Nebeneffekt der Vor-Ort-Aufklärungsarbeit, die schon Monate vor dem Camp stattfand. Die Taktik scheint also aufzugehen. Um auch noch die letzten Unbekehrbaren der Region, dem “Einfallstor in den Westen” zum Umdenken anzuregen, lädt Gendreck Weg schon kommendes Wochenende, den 18. April zum Saatguttauschmarkt in Kitzingen ein, am Sonntag dem 19. April folgt dann der Aktionstag Aussaat.
“Wenn die Genmaisbauern die Chance zum Saatgut-Tausch nicht genutzt haben,
werden wir selbst aktiv: Wir gehen am Vormittag des 19. April auf ein
Feld, das im Standortregister für die Aussaat mit Genmais angemeldet
wurde. Dort bringen wir das gentechnikfreie Maissaatgut aus. Wir schenken
dem Bauern unsere Arbeitszeit und das Saatgut und fordern ihn dringend
auf, auf den Genmais zu verzichten. Wir hoffen sehr, dass er dieses
Angebot nicht ausschlagen kann!”
Am selben Wochenende findet auch in Üplingen bei Magdeburg, im Schaugarten für Gentechnik ein Aktionswochenende statt. Der Schaugarten wurde Anfang April einmal kurzzeitig besetzt. Hier die Homepage der AktivistInnen und deren Argumente gegen die “Bio”techfarm.
Hinzukommen noch die vielen nächtlichen Genfeldbefreiungen, die tatsächlich Gensaat beseitigen oder auch die Feldbesetzungen, die vor der Aussaat staatfinden, und zum Ziel haben, selbige solange herauszuzögern, bis, es für den Landwirt zu spät ist. Die AktivistInnen gehen dabei oft recht professionell vor und betonieren Tripeds in den oft noch gefrorenen Boden und harren stunden und tagelang dann auf ihren Türmen und Dreifüßen aus.
und natürlich möchte ich noch erwähnen, dass die DVA im Frühlingsprogramm neben meinem erlauchten Buch auch noch einen Titel über die Machenschaften von Monsanto veröffentlicht hat.
“Mit Gift und Genen”, sehr lesenswert, schockierend und auf hohem, teils sehr wissenschaftlichen Niveau geschrieben. Wem das zu kompliziert ist, kann sich auch noch den gleichlautenden Film anschauen.
This entry was posted on Montag, April 13th, 2009 at 12:28 pm and is filed under AgrarKULTUR, Direkte Aktion, Ernährung. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.


7:46 pm on April 14th, 2009
Die Rolle des Wissenschaftlers
Ein weiterer interessanter Aspekt ist die Rolle des Wissenschaftlers, sei es in der Atomindustrie, der Gentechnik oder in anderen Bereichen.
Zum einen werden kritische Wissenschaftler, die auf die Risiken der Gentechnik aufmerksam machen, Korruptionen aufdecken, oder Verquickungen der Universitäten mit der Wirtschaft anprangern etc. mundtot gemacht.
Zum anderen ist auch die Perspektive einiger Wissenschaftler was die ökologische Risiken und soziale Auswirkungen ihres Forschungsgebietes anbelangt, durchaus als begrenzt zu bezeichnen.
Infolge des stromlinienförmigen studierens und des (exogenen und endogenen) Drucks dem sie ausgesetzt sind, auch nicht sonderlich verwunderlich und mitunter menschlich.
Leider ist auch eine gewisse Arroganz gegenüber “Nicht-Experten” und einer damit verbundenen Diskussionsverweigerung vohanden.
Wie ich leider hautnah in meinem Freundeskreis miterleben musste, führt zudem der Erfolgsdruck und der z.T. übersteigerte, zwanghafte Wunsch etwas zu verbessern dazu, daß ein Angriff auf das Forschungsobjekt als Angriff auf die eigene Person wahrgenommen wird. Als schockierend empfinde ich es, wenn dabei die “fremde” kritische Position, fast schon als existenzbedrohend empfunden wird.
Aber unser sogenanntes Bildungssystem möchte ja genau solche mechanisch denkenden Marionetten-Mensch-Maschinen heranzüchten, die perfekt funktionen und die an sie gestellten Ansprüche und Forderungen unreflektiert versuchen zu erfüllen – auch wenn sie dabei psychisch ausbrennen und entmenschlichen.
Leider gibt es aber eben auch die Sorte Mensch, die dies bewußt forciert und einzig und allein auf die Maximierung des Profits aus ist.
Dies trifft zum Glück nicht auf alle zu und ich möchte auch nicht pauschalisieren, aber es gibt eben auch den einen oder die andere Wissenschaftler(in), der /die aus vollster Überzeugung und vielleicht sogar aus unreflektierter Wut gegenüber der “chaotischen” Natur versucht ist, diese klar zu strukturieren und zu reglementieren, so wie eben auch sich selber …
Es gibt auch noch verantwortungsbewußte und kritische Wissenschaftler, die nicht alles fressen, was ihnen vorgetischt wird und keine Angst haben den Mund aufzumachen, wie z.B. Ignacío Chapela:
http://www.gen-ethisches-netzwerk.de/GID171_richardt
http://www.i-sis.org.uk/IGspeech.php
Eine Träumerei vielleicht, aber es müßte versucht werden, mehr Wissenschaftler wieder zurück in die Realität zu holen und Mitarbeiter von Konzernen wie Monsanto, Pioneer, Syngenta etc. wachzurütteln und dazu bewegen, ihre Arbeit niederzulegen…
…bevor es zu spät ist und nur noch genmanipulierte Bienen, Schmetterlinge und Fledermäuse die genmanipulierten Pflanzen bestäuben können, ohne dabei zu krepieren.
So ich träum dann mal weiter
Sven