Wie wir das KLIK retteten
Zunächst einmal mußte ich aber diese Aufnahmeprüfung bestehen. Der erste Termin hierfür fiel schon einmal flach, da ich mein tägliches Trainingspensum aufgrund meiner aufrechten Bürgerpflichten nicht mehr regelmäßig nachgehen konnte.
Auf der Suche nach nützlichen Einrichtungen, die man in der Stadt noch wegkürzen/ streichen/ schließen/ verleumden oder einfach abfackeln kann, war der Senat auf das KLIK gestoßen, meinem kleinen Punkerladen, mit dem ich immer noch in engem Kontakt stand. Man wollte den 3 Sozialarbeitern dort, die sich ohnehin schon 2 Vollzeitstellen teilten eine Summe, die weit unter der Hälfte des Jahresgehaltes vom BVG-Manager stand und ungefähr 1% des Jahresgehaltes vom Deutschen Bank Vorstand ausmachte, nicht mehr gönnen. Selbstredend mußte vom dem Geld auch noch die restlichen Ausgaben des Ladens bestritten werden, der pro Jahr ca. 5000 mal von 600 verschiedenen Besuchern aufgesucht wurde. Eine kleine Stiftung, die bislang in besondern kritischen Augenblicken noch immer unterstützend unter die Schulter gegriffen hatte, konnte die entstehenden Kosten unmöglich auffangen.So etwas konnten wir uns natürlich nicht bieten lassen.Wir luden die Presse in unser kleines Domizil ein, und zogen mit einer entschlossenen Demo kurzerhand vor das Rote Rothaus. Mit einem Marsch durch die Innenstadt, wie es sich eben so gehört, wütende Parolen rufend, gegen den Kürzungswahn des Senats, alle waren wieder einmal aus ihrem zuständigen Jobcenter gekrochen und hängten ihren Mischlingskötern irgendwelche Transparente um den Hals, damit sie selbst die Hände freihatten, um Molotowcocktails auf die zahlreich anwesende Polizei werfen zu können. Oh nein, pardon, da ging nur wieder einmal die Fantasie mit mir durch, es reichte dann doch wieder nicht zu mehr, als sich einmal genüßlich im Schritt zu kratzen und die Fäuste in den Himmel zu ballen.
Gegen Yuppiesierung unsere schönen Stadt wurde gerufen, während wir am geräumten Eimer vorbeikamen, einem ehemals besetzen Haus in Mitte, welches aufgrund seiner baulichen Veränderungen, die die Besetzer Anfang der 90 vorgenommen hatten, schon einen Eintrag ins Unescoweltkulturerbe verdient gehabt hätte. Leider war die Einrichtung einer x-beliebigen Cafe-Bar mit Bagels und einer Plörre für 2,50 Euro dann doch dringlicher gewesen, als die Bewahrung eines Stückes Stadtgeschichte. Auch der nahe Wagenplatz war einer farblosen Wiese gewichen, kreative Kinder einer nahegelegen Waldorfschule turnten an metallfarbenen Fahrradständern. Sie erinnerten mich an die Flüchtlingskinder an den Teppichstangen im Asylbewerberheim Markersdorf.
Je näher wir dem Hackeschen Markt rückten, desto einfallsloser die touristische Fassade. Im Umkreis von 5 km krochen derzeit 4 neue Einkaufszentren aus dem Boden.
“Das kann hier nicht so weiter gehen!” murmelte ich und vor dem Roten Rathaus rief es laut, durch den verstärkt durch die Boxen des Lautsprechewagens, in Szenekreisen liebevoll “Lauti” genannt. Ich war heute die einzige, die eine Rede hielt, die nicht von irgeneiner organisierten autonomen Bündnis kam, mein Skript hatte ich schon längst verloren, wofür den auch, “Wir wissen doch alle, worum es geht! Demos bringen nichts, außer dass unsere Hunde wenigstens mal einen langen Spaziergang machen können!”
Die Leute, die bei den vorangegangen heruntergeleierten Bündnisselbstverständnissen gelangweilt zu ihren Bier gegriffen hatten, wandten sich wieder in meine Richtung. Endlich redete mal jemand in einer Sprache, die man auch verstand ohne 16 Semester Publizistik studiert zu haben. “Wenn wir etwas erreichen wollen, dann müssen wir den Leuten, die hier von Bürgernähe reden, auch mal zeigen was das ist!” Meine Worte hallten über den Platz. ” Ihnen solange auf den Sack gehen, bis sie wieder merken, dass der gemeine Pöbel mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmacht! Wenn sie nicht zu uns kommen, kommen wir zu ihnen! Und wir bleiben!” Die Menge jubelte, stimmten ein in “Luxus für alle und zwar umsonst!”
Wir fanden uns gleich zusammen, Dauerarbeitslose, Punks aus dem, Menschen von einem Bündnis gegen den Abriss des Palastes der Republik. Unsere neue Heimat: Ein Matratzenlager in Rufnähe zum Roten Rathaus. Das war noch übrig geblieben von dem wildem Studentestreik, der im Winter 2003 die Stadt Berlin und ihre Bildungssouveränität in ihren Grundfeste erschüttert hatte. Ein paar Studenten der ersten Stunde hockten noch immer auf den speckigen Matratzen, die auf Europaletten gelagert den schlimmsten Witterungseinflüssen bislang trotzen konnten. Ihre Bärte waren lang, ihre Blicke wirr.
Der Rest war in den Schoße der heimeligen Bildungsstätten zurückgekrochen, oder in irgendein Call-Center um die steigenden Studiengebühren begleichen zu können. Ein paar, denen keine der beiden Alternativen zugesagt hatten, waren seit dem Winter mit dem Aufbau einer offenen Uni beschäftigt, zu der jeder, egal mit welchen Vorraussetzungen, Zugang hatte und die unterschiedlichsten Kurse angeboten wurden.
Alle schliefen nebeneinander und wenn es regnete, deckten wir uns alle mit der gleichen Plastikplane ab, was das Atmen schwerer machte und Asthmatiker, sowie Menschen mit Platzangst leider von unserer kleinen Blockade ausschloss. Tagsüber stellten wir einen Plastikkarton auf, den wir bunt angepinselt und zu unserem Infostand erklärt hatten.
“Guten Tag, wir sammeln 100.000 für unseren Kontaktladen, der nach Willen des Senats leider schließen soll, da er das Geld anderweitig, wie z.B. für überflüssige Bahnhofsträume oder wilde Bankenspekulationen benötigt. Wenn Sie eventuell ein oder 2 Euro übrig hätten, oder jemanden kennen, der in den letzten Jahren mit Immobilienspekulationen auf Kosten der Stadt Berlin ein kleines Vermögen angehäuft hat und nun ein paar Tausend Euro Solidarbeitrag leisten will, bitte hier einwerfen!”
Und dann sagte mein Vater immer, ich hätte in den letzten Jahren nichts gelernt. Zumindest die Bettelmasche hatte ich schon perfektioniert. Bald hatten wir soviel in unserem Karton, dass sich jeder ein Eis davon kaufen konnte. Außer ein paar japanischen Touristen und Busgruppen aus dem Schwabenland zeigte sich niemand besonders beeindruckt von unserem bürgernahen Protest. Politiker passierten nur äußerst selten, vermutlich betraten sie das Rothaus durch einen Geheimgang, der das Bundeskanzleramt mit dem Alexanderplatz unterirdisch verband. Später sollte ich erfahren, dass meine Vermutungen angebracht waren, nur nannte man das ganze nun U 55. Seitdem fährt eine Geister U-Bahn in der millionenteuren Röhre. Bezahlt hat natürlich der Berliner Bürger.
Auch unser Freund und Helfer ließ sich überraschend selten blicken, und wenn, dann meist nur um irgendwelchen Vermisstenanzeigen aus der Mark Brandenburg nachzugehen. Renitente Nachwuchspunker hielten ihre besorgten Eltern auf Trab und machten bald die Hälfte unsere Belagerer aus. Das Niveau sank wie zu Erwarten bald schon gewaltig, das Wetter passte bald zu meiner Stimmung.
Wir schliefen schlecht, der Regen prasselte hart auf die Plastikplane, der geringe Abstand ließ mir kaum Platz zum atmen. Um 6 stand ich schon auf, ganz entgegen meinem natürlichem Rhythmus. Ein paar andere waren noch immer munter, sie hatten die Nacht durchgemacht. Ihre Augen waren gerötet, die Stimme heiser und kratzig vom Alkohol.”Kommste mit Frühstück besorgen?” fragte einer. „Gibt’s hier nichts in der Nähe?” fragte ich verwundert, als wir in die Straßenbahn einstiegen „Gibbet schon, aber können wa nüsch zahlen. Wir essen gratis!” Die Strassenbahn kam mal wieder einmal nicht vom Fleck. Selbst auf einem Elefanten in Indien kam man schneller voran als in eine der neuen sogenannten Metrolinien. Wieder einmal so ein Beweis von Bürgernähe. Vermutlich hatte kein einziger, der sich die millioneschwere Namensumbennenungskampagne ausgedacht hatte, jemals von seinem Gratisfahrschein in den Öffentlichen Gebrauch gemacht.
Mein Magen fing schon an zu knurren. „Wohin fahren wir denn?” Ich wurde ungeduldig.
Gesichtsloses Ende von Pankow, ein Ensemble von Supermärkten wacht gerade auf und empfängt morgenmuffelig alleinerziehende Mütter die mit ihren krähenden Kindern Einkaufswagenslalom fahren, sowie Oma Herta vom Arbeiterwohnblock nebenan, die schon gestern abend um 8, vor dem Zubettgehen erwartungsvoll ihr Haarnetz vor das Bett gepackt hat und das Einkaufsnetz über die ausfallende Dauerwelle gestülpt hat.
Wir öffnen 2 olle Plusmülltonnen, frühsommerlicher Verwesungsgestank schlägt uns entgegen. “Wie jetzt? Wegen dem Scheiß sind wir hierher gekommen?” rege ich mich schon wieder auf.Die Iropunker ziehen mich um die Ecke. “Welcome to Schlaraffenland!”
Ich sitze im Container der Bäckerei Kamps, die sich mit zweifelhafter Franchisepolitik schon einen Namen gemacht hat. Der Container hat diesen Namen auch wirklich verdient. Er ist so groß, wie unsere Behelfsbox, damals im Kindergarten, als die Ameisenplage ausgebrochen war. “Los jetzt” drängen die andern, “bevor die Arbeiter noch kommen!” Ich würde ja gerne aufstehen, aber es ist mir nicht möglich. Ich habe mich derart mit Nussschnecken, Kirschplundern, Vollkornschinkenstangen und derlei Sachen überfressen, dass ich einfach nicht mehr hochkomme. “Dann laß sie doch da drinnen” höre ich die anderen sagen, die mit einem Einkaufswagen, bis obenhin mit Backwaren gefüllt, die Szenerie verlassen. Ich liege so schön weich, auf einer Ladung von Mohnbrötchen und lecke mir den Puderzucker von den Lippen. Meine Finger umspielen leckere Berliner, mit meinen Füßen kann ich Kastenbrote treten. Noch nie habe ich eine derartige Verschwendung an Lebensmitteln gesehen, aber noch nie habe ich mir auch derart den Bauch vollgeschlagen. Ein schöner Tag denke ich und schlummere friedlich auf den Brötchen ein.”Grugru” “Kräh, Kräh”, Ein Peitschhieb im Gesicht, auf meinen Arm platschen dicken Tropfen, es regnet schon wieder.
Verschlafen öffne ich die Augen- und schreie! Rote Augen sondieren mich, spitze Schnäbel hacken nach mir. “Kräh, Kräh”, weiße Scheiße frisst sich sauer in meine Haut. Ich bin in einer Neuverfilmung des Horrorthrillers “Die Vögel” gelandet. “Stop, rufe ich, “Drehpause, ich geh ja schon raus, aber nehmt eure Viecher mit.” Die schlagen ihre Mundwerkzeuge voller kühler Berechnung in die Kastenbrote- um ein Haar verfehlen sie dabei meine nackten Unterschenkel, unzureichend von einer zerissenen Netzstrumpfhose bedeckt. Federn stieben umher, bewaffnet mit einem hartgewordenen Croissant und einer Laugenstange schlage ich wahllos um mich. Ich begreife schnell, es geht hier um Leben und Tod. “Auf das ihr an den klebrigen Bröseln der Dekadenz erstickt” rufe ich den als Spatzen getarnten genmanipulierten Hühnern zu, denen man ein Killergen eingesetzt hat. Vermutlich ein aus der Kontrolle geratener Freilandversuch. Ich raffe soviele Nussschnecken und Käseschnecken zusammen, wie es mir in der kurzen Zeit möglich ist, und ziele zwischen sich aufplusternde Gefieder. Da, einer gerät schon ins Straucheln, der Zuckerguss verklebt die Federn, mein Kalkül geht auf. Mit letzter Kraft erreiche ich den metallenen Rand des Containers, erst jetzt fallen mir die weißen Spuren auf, die daran kleben, ja die ganzen Backwaren sind übersäht davon. War der Zuckerguss am Ende nur getrocknete Vogelscheiße? “Renn, renn um dein Leben” keine Zeit für Spekulationen, ich hieve mich über den Rand,dank neuer Muskelmasse gelingt mir das mit einem fast perfekten Felgausschwung, setze hart auf der Betonempore über mir, wirble meine Springerstiefel einem kleinen, pfeifenden Mann ins Gesicht, eine schwarze Locke spitzt frech unter seinem weißen Cappy mit Firmenlogo hervor. Heute abend will er sich verloben, den Ring hat er schon in seiner linken Jeanstasche, unter seinem Kittel.
Vor Schreck läßt er seine Stiege fallen, voller neuer Kastenbrote, Brezeln und Nussecken, sie kullern auf den Boden und schon haben die Vögel das Neue gewittert, lassen von dem Alten, vermutlich mögen sie selbst ihre Exkremente nicht fressen, sie stürzen sich auf die Backwaren, die nun auf der Betonempore herumkullern, der Mitarbeiter gerät aus dem Gleichgewicht, rote Augen glühen, spitze Schnäbel hacken, ich renne.
“Bist du sicher, dass du nichts willst?” fragt Pille, eine Bekannte aus dem Klik, die gerade vom Matratzenlager aufgestanden ist. Behaglich streckt sie ihre langen Beine, sie hat die Springerstiefel beim Schlafen nicht ausgezogen. Genussvoll beißen ihre Zähne in eine Schinken-Käse Croissant, die Zunge leckt über die Lippen. Mit einer Mischung aus Abschaum und Faszination kann ich mich einfach nicht von dem Anblick trennen. “Wenn de keinen Hunger hast, brauchste mich auch nicht so anzustarren” giftet sie schließlich. Ich gehe wieder zu dem immer noch vollen Einkaufswagen und drehe jedes Brötchen einzeln herum. Ich kann es einfach nicht begreifen, sauber, klopfe und staube sie ab, keine Spur von Vogelscheiße.
Krisensitzung, morgens um 9 dann, das Bier kreist schon wieder, obwohl das nun gar nicht in meinenTrainingsplan passt, der mir noch immer irgendwo im Hinterkopf herumschwirrt, heute nehme ich einen frühen Rausch allzugern in Kauf.”Wir können hier nicht ewig rumhocken und hoffen, dass was passiert!” ist die einhellige Meinung zu dem Thema, sogar die ausgebüchsten Punks aus der Mark Brandenburg, die gar nicht so recht wissen, um was er hier außer ersten Piercing- und Pettingerfahrungen überhaupt geht, pflichten uns bei. “Ja, Mann, echt, volle Randale machen!” ist ihr Credo. Über unser Ziel sind wir uns bald einig, nur nicht, ob wir den Wagen mit den Brötchen hier lassen oder mitnehmen.
Am Ende schlittert er natürlich mit, wild umkläfft von unserem Hunderudel, das zwischenzeitlich schon auf 10 angewachsen ist. Allen voran, Schwanz erhoben natürlich meine kleine Lolita. Auf gehts zum Spittelmarkt, ein Katzensprung wäre das ohne den Wagen, dessen gebrechliches Vorderrad ständig besoffenen, so wie wir, um die eigene Achse schlingert, über Glasscherben stolpert, in Hundehaufen stecken bleibt. Armer Einkaufswagen, er tut mir leid, ob er seine Freunde vom Supermarkt vermisst? Wie fühlt es sich überhaupt an, jeden Abend ineinander geschoben zu werden? Hat man da genug Intimsphäre um zu schlafen? Was treiben Einkaufswagenschlangen des Nachts? Warum produziert der Mensch Dinge, die er danach dann einfach achtlos auf zubetonierten Wiesen stehen und verkommen läßt? Zuviele wichtige Fragen noch unbeantwortet, ich bin froh, dass ich die Vogelattacke überlebt habe und nehme mir vor, den Rest meines Lebens wichtigen Sinnfragen und dem öffentlichen Gemeinwohl zu widmen. Vogelschutzverbände erkläre ich zu meinen neuen Feindbildern, noch vor der NPD und Grießbrei zum Frühstück.
“Ok!” Ricardo bedeutet uns, dichter zusammen zu kommen.” Wir brauchen jetzt einen verdammt guten Plan.”Leises Kichern. “Also” Sunshine senkt verschwörerisch die Stimme” Wir waren schon drinnen, der Pförtner hat gesagt, er ist heute nicht im Hause.” “Ha!” lacht Penzel auf. “Das hab ich in den letzten Wochen schon ein paar Mal gehört!”Tatsächlich sind wir schon einmal am Ministerium für Bildung, Sport und Wissenschaft vorbeigekommen, welches auch das Ministerium für Jugend beeinhaltet. Anrufe wurden ebenso nicht weitergeleitet, wie unsere zahlreichen E-mails mit Bitte um Gesprächstermin nicht beantwortet wurde.”Das ist ja ein toller Senator, der nie in seinem Büro ist. Wahrscheinlich den ganzen Tag unterwegs in der Mission für Frieden und beste Qualität für Jugendprojekte” lache ich.
“Als wir ihn eingeladen haben, ins Klik zu kommen, isser ja auch nicht vorbeigekommen.”
“Dann gehen wir jetzt einfach zu seinem Büro und bleiben da solange, bis er kommt.” Alle stimmen in frenetischen Applaus ein, eine neue Runde Bier wird geöffnet.”Ich muss erst mal pullern!” meint Sandro. Er, dass ist Jugendsenator Böger, der nach dem Wegfall von Lottomitteln beschlossen hatte, dass es genug Unterstützung für Obdachlose über 18 in der Stadt gäbe. Paradoxerweise erklärte er im selben Atemzug, dass es ja gerade die Gruppe der 18- 23 jährige seien, die das KLIK frequentierten und es daher keine Existenzberechtigung mehr hätte. Ich torkle, schon gut angetrunken einen dieser mit Amtsschimmel verhangenen Flure entlang. Verdammt, wo war nochmal sein Büro? Im 3. Stock, Nummer 425 oder doch im 4.?
Ich treffe Sandro, der mir mit einer Kaffemaschine unter dem Arm entgegen kommt. “Die haben hier ganz nützlichen Krempel.” läßt er verlauten. “Gibt auch noch Pfannen und so was.”"Das können wir ja später machen! Jetzt lass uns erstmal das Büro finden.”Wir gehen immer den Lachern nach, die in den verschiedenen Etagen erklingen, das kann nur von unserer verpeilten Truppe sein.
“Schnell rein hier!” Sunshine steht hinten auf dem Flur, winkt uns aufgeregt zu. Die Empfangsdame ist gerade ausgeflogen, der Senator überraschenderweise tatsächlich nicht in seinem Büro.
Dafür steht die Tür aber sperrangel weit offen.Jetzt zeigt sich, dass politischer Aktivismus ohne die geringste Planung doch ein wenig hinterherhinkt.”Was machen wir denn jetzt hier?”
Sandro räumt derweil schon einmal den Schrank des Senators aus, “Alter!” ruft er “Guck mal was ich hier gefunden habe! Einen ganzen Kasten Bier!” Unter lautem Gejohle wird er auf den geräumingen Schreibtisch gehieft. “Leute!” rufe ich “Wir müssen die Zeit nutzen, bevor hier irgeneiner auftaucht. Vielleicht mal eine Zeitung anrufen oder so!” “Als erstes machen wir mal die Tür zu.” Sunshine hält stolz einen Schlüssel in der Hand, schließt zweimal ab. “Welche Zeitung rufen wir denn an?” “Können wir nicht irgendne Pornoline in Neuseeland anrufen?” “Ich hab keine Zeitungsnummer.” “Ich hab ne Alte in Brasilien, kann ich mal telefonieren?” “Dann rufen wir halt die Auskunft an.” “Guck doch mal im Internet.” “Hat Passwort!” “Gibts hier kein Telefonbuch?”
Wertvolle Minuten verstreichen. Endlich habe ich die TAZ am Apperat. “Hallo! Hier ist das äh… das autonome Bürobesetzungskommanda für mehr Bürgernähe. Wir würden gerne ankündigen, dass wir soeben das Büro von Senator Böger in Beschlag genommen haben.” Sunshine macht mir ein Zeichen. “Das ist gar nicht das Büro von Böger!”
Ich halte die Hände an die Muschel. “Wie jetzt?” “Das ist von dem zuständigen Sachbearbeiter.” “Klar ist das vom Böger!” rufen andere wieder. “Entschuldigung” ruft jemand am anderen Ende der Leitung. “Um was geht es denn jetzt nun.” Ich muss meinen besoffnene Schädel schon ganz schön zusammen nehmen.
“Also wir haben im Ministerium für Jugend am Spittelmarkt ein Büro besetzt. Und wir gehen erst wieder raus, wenn wir die Zusagen haben, dass die Fördermittel für das KLIK nicht gekürzt werden.” kommt mir mühsam über die Lippen.
“Um welche Zimmernummer handelt es sich denn?” Die Stimme am Apparat bemüht sich sichtlich um Gelassenheit. “Ähem, ähem, das weiß ich jetzt leider auch nicht auf Anhieb, da muss ich erst rausgehen, aber wir haben ja abgeschlossen.”
Ich bekomme das Gefühl der Mann in der Leitung nimmt mich nicht besonders ernst. “Wir werden uns dann darum kümmern, jemanden vorbeizuschicken.” Sonderlich überzeugend klingt das nicht. Warum habe ich nicht neulich an dem Workshop: Zielgerichtete Pressearbeit für autonome Gruppen teilgenommen? Ach ja, ich war im Fitnessstudio. Es klopft an der Tür. Ein paar, die gerade Aktenordener nach Unterlagen über das KLIK durchlesen, haben es nicht gehört. “Hier, Verschlusssache: Kontaktladen für Straßenkinder in Krisen!” Aufgeregt wedeln sie mit ein paar Blättern. “Mann Alter, es hat geklopft.” Unsicherheit. Entsetzt starren wir auf die Klinke, an der hektisch gerüttelt wird. Die 3 Hunde, die noch mit ihm Raum sind, fangen an, zu kläffen. “Was machen wir denn jetzt?” Sunshine findet als erste ihre Stimme wieder. “Wer ist da?” Die Antwort verstehe ich nicht, weil mir Sandro unbedingt gerade ins Ohr rülpsen muss. “Es ist nämlich so, wir haben ihr Büro besetzt!” Alle halten den Atem an. Stille. Dann. “Ah so!” Als ob das jeden Tag vorkommen würde. “Wir trinken gerade Ihr Bier!” Sunshine kratzt sich. “Jetzt sag doch mal warum wir hier sind”zische ich.
“Wir sind hier, weil wir gegen die Schließung des KLIKs sind.”
“Ah so!” Das klingt schon wesentlich erleichterter. Nun weiß er wenigstens mit wem er es zu tun hat. Vielleicht hatte er schon an radikal-islamische Gruppierungen mit Kalashnikovs im Anschlag gerechnet. Obwohl die ja alle Anti-Alkoholiker sind.
“Aber niemand redet doch von Schließung!”
“Wenn der Senat die Mittel streicht, kann das KLIK weder Honorare, noch die Miete zahlen, dass wissen Sie genau!” mische ich mich ein. “Wenn ihr mich herein laßt, können wir in aller Ruhe darüber reden.”
“Wer sagt denn, dass Sie nicht die Bullen rufen, wenn Sie erstmal drinnen sind?”
“Nun, wenn ich hier noch länger auf dem Flur stehen bleiben muss, wird mir wohl nichts anderes übrigbleiben. Wenn wir aber im Büro wie zivilisierte Menschen…” Sandro brüllt: “Ik scheiß auf eure Zivilisation” und pinkelt in einen herumstehenden Plastikmülleimer. Papiere von anderen Projekten, die schon auf dem Müll der Bürogeschichte gelandet sind, saugen sich voll Bierpisse.
“Der will uns verkackeiern!” Wir ziehen uns zur Beratung zurück. “Wir müssen erstmal auf die Presse warten! Wann kommen die denn?” “Äh- weiß ich nicht so genau” muss ich zugeben, wenn sie denn überhaupt kommen.
“Lassen wir die alte Rummelnutte halt rein! Im Moment hat er keine Bullen und wir können ihn immer noch auf seinem Drehstuhl fesseln und Bürohockey spielen, wenn er muckt.”
“Für ihn ist das Risiko höher als für uns!” gibt auch Sunshine zu bedenken. “Mir wäre schon mulmig, wenn ich 10 besoffene Punker auf meinem Schreibtisch sitzen zu hätte.”
5 Minuten später sitzt er da, ob er jetzt Böger oder ein Sachbearbeiter ist, weiß ich zwar immer noch nicht, auf jeden Fall, weiß er wovon wir reden. ” Es sind einfach nicht genügend Mittel da, irgendwo müssen wir sparen. Wenn das KLIK zu machen sollt, schreit ihr auf, wenn ein türkischer Mädchenladen in Neukölln dran ist, habe ich hier die ganzen Immigrationsaktivisten vor der Nase sitzen!” “Ach! Vielleicht ist das Geld einfach falsch verteilt? Vielleicht könnte man zum Beispiel den ganzen neuen Scheiß-Bahnhof einsparen!” “Das sind doch Argumente, die völlig an der Diskussion vorbeigehen. Ich muss sehen, was ich innerhalb meines Kompetenzbereiches erwirken kann.” “Ey Alter, mach ruhig. Hier trink mal ein Bier!”
Er lehnt dankend ab.
“Ihre Kompetenzen kann ich leider nicht erkennen. Sie haben doch gar keine Ahnung, wovon Sie reden! Waren Sie schon mal im KLIK?”
“Nein.” “Na also, wie können Sie dann darüber urteilen, ob es eine unnütze Einrichtung ist. ”
“Ich habe Mitarbeiter, die mich mit den nötigen Informationen versorgen, denen ich vertraue. Ich kann bei meinem übervollen Terminkalender wirklich nicht jedes Jugendprojekt in Berlin persönlich besuchen.”
“Ihre Mitarbeiter waren auch noch nie da, und es wäre das mindeste, bevor Sie 600 Jugendliche auf die Straße setzen, sich mal ihrer Verantwortung bewusst zu werden. Aber Sie gehen da nicht hin, weil Sie dann zugeben müßten, dass es eine Lüge ist, dass das KLIK nicht gebraucht wird. Weil Ihren ganzen schlauen Wörter auf dem Papier dann nichts mehr wert sind.”
“Es hat niemand gesagt, dass das KLIK nicht gebraucht wird. Es liegt nur außerhalb unserer Förderungsverpflichtungen. Wenn sich ein anderer Förderer findet…” “Immer schön aus der Veranwortung stehlen! Und wenn wir dann am Alex hocken, werden wir auch vertrieben! Und was geht am Osti? Warste schon mal da, wenn die Rotkäppchen kommen? Den Arsch können wir uns abputzen mit deinen tollen Jugendprojekten.”
“Ihr müßt doch nicht auf der Straße sitzen. Es gibt soviele Angebote, ab 18 könnt ihr euch an das Sozialamt wenden.”
“Ey Alter, du hast echt keinen Plan. Denkste ich tanz denen nach der Pfeife? Da schnorr ich lieber den ganzen Tag am Osti!” Nach einer halben Stunde verlassen wir schließlich das Büro. Ohne Polizei, ohne Presse, ohne großes Aufhebens. Unseren Gesprächstermin hatten wir nun ja endlich, dazu noch Freibier. Nächste Woche wolle er persönlich im KLIK vorbeikommen, meinte er. Und die Presse mitbringen. “Scheiße!” Sandro macht ein betrübtes Gesicht. “Wieso denn, war doch für den Rahmen ganz ok. „”Ich hab die Kaffemaschine im Büro stehengelassen.” “Es gibt noch viele Ministerien, die wir besuchen können” lache ich. “Und werden! Schlag ein!”
Dem KLIK wurden die Fördergelder übrigens nicht komplett gestrichen. Mit einem neuem Projekt U18, förderte der Senat wenigstens einen Teil der Ausgaben und Honorare weiter. Aktion Mensch und ein paar kleiner Stiftungen garantierten die Fortführung der Angebote für junge Menschen bis 27. Die Besucherzahlen stiegen in den letzten Jahren nochmals an.
Das Matratzenlager wurde Ende Mai dann doch von unseren grünen Freunden aufgelöst. Mir kam das nicht unpassend, konnte ich mich jetzt wieder ganz den Vorbereitungen für meine Aufnahmeprüfung widmen, die ich schließlich unter Vorbehalt bestand.
This entry was posted on Montag, März 9th, 2009 at 2:42 pm and is filed under Unveröffentlichtes. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.
