Ausflug auf die Queeruption
Ausflug auf Queeruption
Mein Handy klingelt. Ich fixiere es argwöhnisch. Ja, ich weiß, es war keine gute Idee, mir so ein Ding zuzulegen. Ja, ich hätte da konsequenter sein müssen. Ja, ich bin eingeknickt. Das ist aber nicht alleine meine Schuld. Binnen 1 Jahr hat die gesamte alternative Szene inklusive Leuten, die sowieso nicht sprechen können, sondern immer nur lallen die Fähigkeit verlernt, a) einen Treffpunkt und eine Uhrzeit auszumachen und b) sich daran zu halten. Nachdem ich das 50. Mal irgendwo in einer Kneipe den Abend alleine verbracht habe, weil keiner meiner verabredetern Kontakte kam, oder ein wichtiges Ereignis verpasst habe ” weil man dich ja nicht erreichen kann”, las wüßte niemand wo ich mich tagsüber aufhalte, hab ich mir so ein Dingen eben gekauft. Punkt. Und jetzt Schwamm drüber. “Umzugsunternehmen schnelle Lotte” flöte ich in das Plastikgehäuse. “Was kann ich für Sie tun?” “Ja, ich hätte da einen ganz schwierigen Kunden, sozusagen, ein Schwertransport.” verhohlenes Kichern in der Leitung. “Er müßte aus dem Innenstadtbereich ins Grüne befördert werden und das möglichst noch heute, da er nur bei Vollmond Fuß fassen kann.” Es ist Roland Zauberwald, einer meiner Freunde, die man so schlecht in Schubladen stecken kann. Ich habe es schon ein paar Mal versucht, aber immer wieder hat er es nach einigem Rumpeln und Scheppern geschafft, die Lade zu öffnen und auf den Rand zu klettern. Vorwurfsvoll hatte er sich dann den Staub von den Schultern geklopft und seine kleine Nasenklemmbrille zurechtgerutscht. “Mach das nie wieder” drohte er mir dann immer.
Ich habe natürlich kein Umzugsunternehmen, dass heißt, zumindest verdiene ich mit meiner aufopfernden Tätigkeit nicht auch das geringste bisschen. Meistens zahle ich noch drauf. So etwas nennt man in christlichen Kreisen Nächstenliebe, in Regierungskreisen Ehrenamt und ansonsten einfach bodenlose Dummheit. Seit Wochen, nachdem ich meinen Bus endlich wieder fahrtüchtig bekommen habe und fachfrauisch entrümpelt habe, fahre ich nun den lieben langen Tag irgendwelche rührseligen Punkererinnerungen und gebrechliche Sperrmüllmöbel von einer Sozialwohnung zur nächsten. Neulich hatte ich auch mal wieder eine Hausbesetzung, gescheitert nach immerhin 7 Wochen, das war dann schon ein wenig spannender. Die Türen natürlich schon versiegelt und verrammelt, mußten wir uns erst durch 2 Hinterhöfe und einen Garten schlagen um dann mit einer wackeligen Leiter ins Flurfenster zwischen Erdgeschoss und 1. Stock einzusteigen. Von dort aus brachten wir dann eine halbe Wohnungseinrichtung, inklusive großer Matratze und 7 Balletspiegeln auf dem selben Weg zurück. Das Zeug steht immer noch alles in meinem Bus, der Besitzer bis auf weiteres verschollen. Das gestaltet sich in sofern schwierig, da ich auch in Ermangelung anderer Wohnmöglichkeiten wieder in meinen Bus eingezogen bin. Ich habe es mal ein paar Wochen in einem emanzipatorischen Frauenprojekt probiert, aber ich glaube, einer von uns war zu emazipiert für die Sache und so trat ich denn auch bald wieder den geordneten Rückzug an. Seitdem parke ich wieder am Volkspark Friedrichshain, wo es nun im sogeannten Jahrhundertsommer richtig gemütlich ist. Zu meiner Freude hat in der Nähe auch noch ein Plus eröffnet, der mich seitdem mit der leckersten Schleckereien aus der Tonne versorgt. Auf dem Dach meines Busses habe ich ein Blumenbeet angelegt und ernte täglich frischen Schnittlauch und Basilikum. Ich habe jetzt auch Nachbarn, die ganz nett sind. Einer hat sich selbstständig gemacht und repariert vereinsamte Fahrräder, die man manchmal am Straßenrand findet. Oft fehlt ihnen schon ein essentielles Teil oder das Schloß sichert nur noch das Vorderrad. Toni, mein Nachbar nimmt sie alle in seine Obhut. Manchmal trinken wir ein Radler zusammen und gehen zusammen in Keller von der Sanierung preisgegebenen Häusern um nützliches Material zu sammeln. Das stapelt sich mitterlweile schon vor unseren Bussen.
Als ich bei Roland Zauberwald klingle, öffnet seine neue Freundin, die immer lacht, obwohl sie traurig ist. “Wo ist denn der Patient?” frage ich in die höhlenartige Wohnung hinein, die sich im letzten Eck des Kurorts Wedding befindet. Um ins Wohnzimmer zu gelangen, muss man sich erst durch einen Wald von an der Decke befestigten Stoffpilzen kämpfen, die meine Körpergröße alle weit übersteigen. Ein neues Projekt von ihm. Neuerding stellt er auch aus alten Fahrradschläuchen Sadomasounterwäsche her. Ich sollte ihn mal mit Toni bekannt machen. “Hier, hilf mir doch mal”, Roland hängt halb aus dem Fenster, kämpft mit einem überdimensionalen Kirschbaum, der es ihm gleich tut. Ich bin überrascht. Soll heißen, ich bin überrascht, dass mich Roland überhaupt noch überraschen kann. War ja schon auf alles gefasst. “Du hast tatsächlich einen Kirschbaum in deinem Wohnzimmer gepflanzt?”
Roland schaut mich verständnislos an. “Warum denn nicht? Der Vermieter hat aber auch kein Verständnis dafür. Naja, der Kleine ist mittlerweile ja auch schon erwachsen genug, um allein klar zu kommen!” Zärtlich streichelt er über die Blätter, die sich dankbar im Wind kräuseln. Eine halbe Stunde später sitzen wir alle im Bus. Ich am Steuer, daneben der Kirschbaum, angeschnallt. Roland und seine Freundin müssen zusammen mit Lolita hinten Platz nehmen, sitzen wie Prinzessin auf der Erbse auf meinem Matratzenlager. Wir fahren zum Kesselberg, einem Gelände außerhalb, das einst in Stasihand war und seit kurzer Zeit von Menschen bevölkert wird, die den einstigen Nutzern garantiert nicht ins Konzept passen würden. Idealistische Ökos, Lebenskünstler und Freigeister, teils hochstudiert teils hochgradig schlurfig unterwegs. Sie sind dabei ein ökologisches Zentrum mit einer idigenen Botschaft einzurichten. Die Leute in den brandenburgischen Käffern, die wir passieren, bekommen ihren Mund gar nicht mehr zu, wie ich da mit meinem Tarnmobil durch die Gegend düse. “Hier entstehen keine Wohn- und Gewerbeeinheiten” habe ich auf die Seite gepinselt und eine Freundin von mir hat in Öl ein Foto von mir abgepinselt, mich auf dem Klo sitzend. Der Kirschbaum ist schnell gepflanzt, dankbar reckt er sich dem Vollmond entgegen, das geht schon an die Schmerzgrenzen meiner Toleranz, zuviel Hippietum bereitet mir Kopfschmerzen. Wir setzen uns zu den anderen in die offene Sommerküche, irgendwer ist da immer und im Lehmofen wird neues Brot gebacken.
5 Tage später sitze ich noch immer da, bin umzingelt von Menschen aus der ganzen Welt, die vor allem eines gemein haben. Sie sind alle homosexuell oder transsexuell oder intersexuell oder haben zumindest irgendetwas wichtiges zum Thema Sexualität zu sagen. Manche sind einfach auch nur “queer enough”, was ungefähr soviel heißt, wie komplett durchgeknallt, aber sympathisch geblieben dabei. Ich begreife schnell, dass meine geschlechtliche Identität nur gesellschaftlich konstruiert ist und auch mein biologisches Geschlecht nicht einfach in 2 Kategorien aufzuteilen sei. “Da gibt es soviel Grautöne” Ich bin auf der Queeruption gelandet, einem jährlichen stattfinden DIY-Kultur Event gegen Patriarchat, Sexismus, Unterdrückung, Kapitalismus und Zweigeschlechtlichkeit. Roland, seine Freundin und ich haben uns spontan entschlossen hier zu bleiben um an den zahlreich stattfinden Workshops zwischen veganem Kochen für mehr Potenz, Selbstverteidigung für Frauen, queer hairdressing oder”Warum wir gegen tuntige Schwule und harte Lesben sind-Klischees abarbeiten” teilzunehmen. Wir essen in der kontrolliert-veganen Großküche und scheißen politisch korrekt auf 2 Meter erhöhten Kompostklos. Wir haben uns schon ein wenig häuslich eingerichtet. In den riesigen grauen Gebäuden, die die Stasi übrig gelassen hat, finde ich schnell ein kleines Zimmer. Aus den Wänden quellen Telefonkabel und anderer Elektrokrimskrams, den die Treuhand vergessen hat, zu verscherbeln. Ich lege die Matratze von dem Umzugspunk ins Zimmer und bringe auch noch ein paar andere Sachen von ihm hinein. So habe ich im Bus wieder mehr Platz und falls es mir beliebt sogar ein eigenes Zimmer. Ich lerne, wie ich aus einfachen Küchenutensilien und anderen Hausmitteln einen Dildo und anderes Sexspielzeug basteln kann. Am Abend teste ich mein neues Gummiequipment auf einer Party aus, ich hätte es mir spannender vorgestellt. Wenigstens kann ich jetzt wieder einen Haken auf meiner imaginären To-Do Liste machen. Sex mit einer Frau stand da natürlich auch drauf. Dummerweise war die Dame die Freundin der Frau, die den Selbstverteidigungskurs anbietet.
Am letzten Tag gönne ich mir nocheinmal einen besonderen Workshop: Lerne deine Vagina kennen! Hierfür setzen sich 15 Menschen, mit dem passenden Primärgeschlechtsorgan in einen Kreis und wir müssen mit Hilfe eines Taschenspiegels einen besonderen Punkt finden. Irgendetwas stimmt mit mir nicht, denn wie ich den Spiegel auch drehe und wende, ich sehe ihn einfach nicht. Enttäuscht trolle ich mich in mein “Zimmer” Doch, was ist hier passiert? Meine Matratze liegt auf einem Krankenhausbettgestell, die man aus Reportagen über Tschernobyl kennt. Irgendwelche Leute hantieren mit noch mehr Kabeln herum, als ohne hin schon im Raum sind. “Das ist es, das Zimmer ist wie perfekt geschaffen!” ruft einer erfreut aus. Ich bin irritiert. “Tschuldigung, aber ich hab hier bislang gepennt.” “Och, das tut uns aber leid! Würdest du so freundlich sein und uns heute abend einmal deine Matratze leihen?” Ich will ja nicht so sein. “Klar, aber wofür denn?” “Na, heute ist unsere große Abschlusssexparty und hier richten wir gerade den Videoraum ein. Alles was du heute abend hier machst, wird live ins Internet übertragen!” zwinkert er mir zu. Ich kratze mich am Kopf. Am Abend warten noch weitere Absurdidäten auf mich. Ich stolpere auf eine Piercingperfomance, wo sich ein, zumindest dem äußeren Anschein nach männliches Wesen
This entry was posted on Mittwoch, März 11th, 2009 at 12:40 pm and is filed under Unveröffentlichtes. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.
